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Eine Hommage an Tilly

  • Autorenbild: Claudia Filpes
    Claudia Filpes
  • 20. Feb.
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Feb.


Die Schönheit des Moments

Sehen

Es ist Nachmittag, als ich an die braune Holz-Türe klopfe. Die Stimme meiner Oma ist dumpf dahinter zu hören “Ich komme gleich.” Es vergeht ein flüchtiger Moment, bis sie mir freudestrahlend die Tür öffnet. “Schön, dass du da bist! Ich gehe kurz voraus, dann können wir uns richtig begrüßen.” Sie dreht ihren Rollator geschmeidig um und läuft durch den kurzen engen Flur zurück in ihr Zimmer, um mich fest in den Arm zu nehmen.


Der kleine Tisch am Fenster ist gedeckt, so sorgfältig, wie sie es immer tut, wenn Besuch kommt.


Ihr Zimmer ist übersichtlich. Und doch erzählt es von einem anderen Ort.


In ihm finden sich Möbelstücke aus Heidelberg wieder. Stilvolle Kommoden aus Kirschholz, die mit gerahmten Familienfotos geschmückt sind. Eingefangene Momente aus der Vergangenheit, die ihr jeden Tag etwas Freude schenken. 


Zwischen all den Bildern gibt es eines, dass sie nicht zu den anderen gestellt hat. Es steht auf der Kommode neben ihrem Bett. Darauf lächelt Opa genügsam in die Kamera. Sein Blick strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.


Seit knapp vier Jahren lebt sie hier, in diesem Altenheim, in einem Stadtteil von Fürth. Ihr Leben in Heidelberg musste sie hinter sich lassen: Ihre geliebte 3-Zimmer Wohnung, in der sie gemeinsame Routinen mit Opa genoss, die selbstgekochten Lieblingsgerichte aus sorgfältig ausgewählten Zutaten vom Bio-Markt, die Zeit im Garten bei ihrem Sohn und den Enkelkindern und so viel mehr. Damals machte sie sich mit ihren Nordic-Walking-Stöcken zu ihren Spaziergängen auf, während sich mein Opa mit seinem Mercedes, wie er seinen Rollator nannte, gerne um die Einkäufe kümmerte. 


Und auch wenn sie all das zurücklassen musste, hat sie etwas mitgenommen, das man direkt sieht, wenn man in ihre grünen Augen blickt: 

Ihre Liebe, ihr Mitgefühl und den Willen, mit uns, ihrer Familie, mitzuleben. 


Zeit zum Abschied nehmen

Fühlen

Lange schien es undenkbar, all das hinter sich zu lassen. So häufig das Thema in der Vergangenheit aufkam, so oft schaffte es mein Opa, den Umzugs-Gedanken einen Riegel vorzuschieben.


Die Entscheidung, Heidelberg zu verlassen, wurde Anfang 2021 spruchreif. 

Die alte Holztreppe hinauf zu ihrer Wohnung im ersten Stock wurde zunehmend zur Hürde. Eng gewundene Stufen führten steil nach oben, und das Geländer an der Innenseite schmälerte die Trittfläche jeden Schrittes. Doch die Treppe war nicht das Einzige, was schwerer wurde. Mit der Zeit häuften sich die gesundheitlichen Probleme meines Opas, sowie seine Aufenthalte im Krankenhaus.


Ihre Wohnung, als gemeinsamer Rückzugsort, wurde umso zentraler. Ein Ort, den man nicht einfach verlässt. Die Zeit war gekommen, um ernsthaft über einen Umzug nachzudenken, so einschneidend diese Veränderung auch sein möge.


Meine Oma befand sich gerade in ihrer langersehnten Kur, als sie erfuhr, dass ihr Mann erneut im Krankenhaus liegt. Seine Wassereinlagerungen hatten sich verschlimmert und die Ärzte versuchten durch Punktion Abhilfe zu schaffen. Dieses Szenario spielte sich nicht zum ersten Mal ab, doch zum ersten Mal gab er einem das Gefühl, dass er nicht mehr kämpfen wollte.


Er war ein starker und entschlossener Mann, der jedes Hindernis in seinem Leben eigensinnig überwinden konnte. Die Ärzte nannten ihn ein Wunder der Medizin, da er trotz seiner langjährigen und schweren Krankheitsgeschichte nie seinen Lebenswillen und Humor verlor. Aber die Aussicht des Umzugs und seine Zukunft im betreuten Wohnen ließen ihn nur stärker an Heidelberg festhalten. Nach 1,5 Wochen im Krankenhaus verfestigte sich sein Entschluss zu gehen, um zu bleiben: “Ich will nicht mehr.”, teilte er seiner Frau und seinen drei Kindern mit. Es sollte ein Tag vergehen, bis er im Beisein seiner Familie mit den Worten “Es war schön mit euch” Abschied nahm und seinen Frieden fand. 


Danach blieb keine Zeit, stillzustehen. Meine Eltern richteten in ihrem Haus die Einliegerwohnung für meine Oma her - ein temporärer Zwischenstopp, bis ein Zimmer im Altenheim frei wird. Ein Umzugsunternehmen sollte einen Großteil der Möbel aus Heidelberg in den 300km entfernten Fürther Landkreis bringen. Doch bevor die Kartons gepackt waren, musste meine Oma ihr Leben sortieren: Erinnerungen, die sich in Schubladen, Regalen und Schachteln gesammelt hatten. Was kann mit und was muss zurückbleiben? Der Abschied von Opa hinterließ ein großes schwarzes Loch, das es schwer machte, einen Lichtblick zu erkennen.


Für die kommenden Monate sollte sie bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn wohnen. Zwischen all den Kartons, Terminen und Telefonaten blieb kaum Raum für Trauer. Was blieb, war ein nicht enden wollender Moment der Erschöpfung. 


Es vergingen Wochen, bis sie sich allmählich an ihren neuen Alltag gewöhnte. Doch wirklich ankommen durfte sie nie. Nach vier Monaten kam der erwartete Anruf. Ein Einzelzimmer im Altenheim war für sie bezugsfertig. Erneut musste meine Oma ihre Sachen packen und hoffen, dass sie sich an einem fremden Ort irgendwann wohlfühlen wird.


Ankommen im Altenheim

Reden

Wieder ist es eine Tür, hinter der ein neues Kapitel beginnt.


Die Kapselmaschine brummt leise, während sich die Tasse langsam mit Omas Kaffee Crema füllt. Sie winkt mir lachend durch das Fenster, als ich im verglasten Balkon die zweite Tasse unterstelle. Es tut gut, sie so fröhlich zu sehen, denn die erste Zeit im Heim war alles andere als leicht.


Plötzlich wurde ihr Alltag von Faktoren bestimmt, die nicht in ihrer Hand lagen. Plötzlich gab es feste Essenszeiten. Fremde Menschen mit Schlüsseln zu ihrem Zimmer. Tage, die nicht mehr ihr gehörten und das nicht verschwindende Gefühl von Überforderung und Unzufriedenheit. 


Das Essen bekam ihren Magen nicht, das Personal war oft gestresst und ihre Beschwerden wurden nicht ernst genommen. Um sie herum befanden sich alte Menschen, die schwer hörten oder schlecht sehen konnten, die durch ihre Demenz eingeschränkt waren oder mehr jammerten, als sinnvolle Gespräche zu führen. 


Ihr Zimmer wird ihr Rückzugsort. Sie schließt die Tür, setzt sich auf ihren Sessel, ordnet ihre Gedanken oder taucht in ein Buch ein.

Aufgeben war für sie keine Option. “Was habe ich denn zu verlieren? Ich sage direkt, wenn mich etwas stört. Schließlich zahle ich hier mehr als genug, als dass ich mir alles gefallen lassen muss. Vergiss nie, am wichtigsten im Leben ist reden, reden und nochmals reden.”  

Und genau mit dieser Einstellung schaffte sie es, den Hausmeister zu überzeugen, ihren geliebten Kronleuchter aus Heidelberg an ihre Zimmerdecke zu hängen, obwohl das eigentlich nicht vorgesehen ist.


Jetzt sitzt sie mir gegenüber, die Kaffeetasse zwischen uns: “Na meine Rushka, erzähl mir was Schönes.” Das ist meist der Beginn unseres kleinen Kaffeeklatsches, bei dem wir die neuesten Familienthemen besprechen, Witze machen und lachen und die Gesellschaft des anderen genießen.


Ich habe ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Es gibt keine Ablenkungen, kein Handy was auf dem Tisch liegt, keine Dinge, die nebenbei erledigt werden müssen, sondern ihr fröhlicher und liebevoller Blick in meine Augen. Wir hören uns gegenseitig zu, überlegen gemeinsam, trinken unseren Kaffee und sind ganz im Moment. 


Die Stunden bei meiner Oma geben mir Kraft und Perspektive. Sie hinterlassen dieses warme Gefühl, das bleibt, wenn ich wieder gehe. In wenigen Momenten schafft sie es, mir Mut zu machen, wenn ich unsicher bin, mir neue Blickwinkel zu öffnen, wenn ich festgefahren bin, und mich zum Lachen zu bringen – etwa, wenn sie von dem Buch erzählt, das sie gerade liest und dessen Ende sie zuerst gelesen hat.


Wandel, neue Kraft und innere Stärke 

Hören & Fragen

Einer dieser Momente hat sich mir besonders eingeprägt.


Es war fast ein Jahr seit ihrem Einzug ins Altersheim vergangen, als meine Oma bei mir auf dem Sofa saß und sagte: “Ich erfinde mich ganz neu.” Während sie diese Worte aussprach, funkelten ihre Augen und sie lachte verzückt. 

Ich ließ mich von ihrem Lachen anstecken und fragte neugierig nach, was sie denn damit meine.


“Ich war ein Stadtkind und hatte der Natur nie so richtige Beachtung geschenkt. Aber seit ich im Heim bin und sich mein Alltag verändert hat, achte ich noch viel mehr auf die kleinen Dinge. Wenn im Frühling langsam die Knospen kommen und Blätter wachsen, erfreue ich mich daran, wie alles wieder zum Leben erwacht. Oft treffe ich dieselben Leute im Park und man kommt ins Gespräch. Es braucht nicht viel, nur ein Lächeln und ein nettes Wort.” 


Unglaublich diese Frau! Und wie Recht sie hat! Sich mit Mitte Achtzig neu zu erfinden, nachdem sie komplett aus ihrem gewohnten Umfeld, ihrem Leben gerissen wurde und es dennoch schafft, mit Charme und Witz die kleinen schönen Dinge wertzuschätzen. 


Sie hat ihren Blick geöffnet. Sie sieht Dinge, die anderen oft entgehen. Flüchtige Begegnungen werden für sie wertvoll, weil sie sie bewusst erlebt. Auch wenn sie nicht mehr so mobil ist wie früher, bringt sie eine Entschleunigung mit sich, die uns heute oft fehlt. Sie hält inne, nimmt ihre Umgebung wahr, tritt in Kontakt – ohne Ablenkung durch ein Handy, ohne gedankliche To-do-Listen, die ständig antreiben. 


Vor allem die Tage, an denen wir als Familie zusammenkommen, geben ihr neue Lebensenergie. Gespräche und gemeinsame Erlebnisse werden für sie zu Impulsen, die sie später noch einmal durchgeht, weiterdenkt und mit ihrer Vorstellungskraft lebendig hält.

Mitten im Trubel nimmt sie Kleinigkeiten wahr, die tiefer greifen.


“Ist bei dir und Markus alles in Ordnung? Ich hatte das Gefühl, dass ihr distanziert miteinander umgeht?”, fragte sie mich bei unserem letzten Kaffeeklatsch. Und genau das sind die Fragen, die nachhallen. Die einen innehalten lassen – und in unseren Gesprächen Raum bekommen.


Aber nicht jeder Tag fühlt sich so leicht an. 

Es gibt auch viele Tage, an denen es schwer ist, positiv zu denken. An denen sie sich in ihren Gedankenspiralen verliert. Gedanken, die sich mehr um ihre Familie kreisen als um sie selbst. Auch wenn sie weiß, dass ihre Ängste irrational sind, fällt es ihr schwer, ihnen einen Riegel vorzuschieben. Trotzdem versucht sie, diese Gewohnheit in den Griff zu bekommen. Ihre negativ konstruierten Szenarien in etwas neutrales umformen. 


Dieses Muster kommt mir bekannt vor. Es ist etwas, was uns verbindet. Und vielleicht lernen wir gerade beide, ein wenig freundlicher mit unseren Gedanken umzugehen.


Weitergeben und Teilhaben

Schreiben

Ein sichtbares Zeichen dafür ist ihr grünes Notizbuch. Darin sammelt meine Oma Sätze aus ihren Büchern – Worte, die sie festhält, um sie mit uns zu teilen. Sätze, die zum Nachdenken anregen und in schwierigen Momenten einen Nährboden für gute Gedanken bilden.


Auch heute hat sie einen Satz für mich vorbereitet. Sie liest ihn mir vor, langsam und mit Nachdruck: „Die Macht der Gewohnheit.“


Es sind nur wenige Worte, und doch steckt so viel darin. Gewohnheiten, die uns nicht guttun, lassen sich nur schwer verändern. Sie halten uns fest – und hindern uns daran, neue Wege zu gehen. Nach einer kurzen Pause sagt sie leise: “Weißt du, Claudia, ich hatte früher niemanden, der mir Erfahrungen weitergegeben hat. Ich musste mich mehr oder weniger alleine durchwurschteln. Deswegen ist es mir umso wichtiger, meine Erkenntnisse weiterzugeben. Dass ihr es leichter habt.”  


Ihre Worte berühren mich. Sie erinnern mich daran, wie wertvoll unsere gemeinsame Zeit ist. Sie lebt mit uns mit, fühlt, was wir fühlen, und bleibt neugierig auf das, was uns bewegt. Und auch wenn ihr Radius kleiner geworden ist, reicht ihre Wirkung weiter als je zuvor.


Am Ende unseres Nachmittags steht sie ruhig in ihrem Zimmer. Zufrieden und strahlend zugleich. Auf dem kleinen Tisch steht das neue Geschirr, welches sie von ihrer Tochter bekommen hat. Sie hält zwei Kaffeetassen in der Hand und fragt mich: „Willst du die haben?“

Im ersten Moment denke ich, dass wir im letzten Jahr schon genug aussortiert haben, dass ich sie gar nicht brauche. Dann schiebt sie leise hinterher: „Damit du dich an mich und unsere Kaffeestunden im Heim erinnerst, wenn ich mal nicht mehr bin.“


In diesem Moment wird mir klar, was sie meint. Sie hat viel verloren – ihren Mann, ihr Zuhause, ihr altes Leben. Und doch ist sie geblieben. Für uns. In Worten, in Blicken, in gemeinsamen Momenten. Ruhig, stark, und voller Liebe, die weiterwirkt.

 
 
 

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