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Wenn Abenteuer altern

  • Autorenbild: Claudia Filpes
    Claudia Filpes
  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 9 Stunden


Ich nippe an meinem Glas Wein, lasse meine Füße durch das Wasser gleiten und blicke in den Himmel. Die Sterne funkeln über mir und der zarte Sichelmond lächelt in die dunkle Nacht. „Meinst du, wir sind zu erwachsen geworden?“, frage ich Tina zögerlich. „Kann sein. Irgendwie haben wir das Abenteuer verloren.“, antwortet sie nachdenklich.


Die Erinnerung unseres letzten Reiseabenteuer hängt wie ein Schleier über uns. Damals waren wir 25 Jahre alt, single, feierwütig und hungrig nach unbekanntem Abenteuer. Wir packten für drei Wochen unseren Rucksack, hatten einen groben Plan und tauchten in die Tiefen Thailands ab. Der Trip war ein einziger Rausch von Gefühlen, Alkohol und Leichtigkeit.


Close-up view of an open notebook with handwritten poetry

Sechs Jahre später brechen wir erneut auf und landen in Indonesien. Mittlerweile sind wir in festen Partnerschaften, hängen dem Kater länger nach und sind erwachsener geworden? Zumindest fühlt es sich so an. Wir sitzen am Pool unserer Unterkunft und lassen den Abend gemütlich ausklingen, anstatt sich in das Getümmel von Ubud zu mischen. Wo sind der Sturm und Drang von früher hin?


Ich frage mich, ob ich Erinnerungen an eine „romantisierte“ Reise nachhänge und insgeheim dachte, dass sich nichts verändert hat. Das diese Reise eine Wiederholung von damals wird.


Unser einstiger Abenteuergeist äußerte sich schon in der Wahl der Unterkünfte. Wir sortierten die Ergebnisse nach „niedrigster Preis zuerst“ und orientierten uns an einer mittelguten Bewertung. Ein Zweibettzimmer für 8€ die Nacht? Nehmen wir! Das hatte zur Folge, dass wir häufig in Absteigen landeten, in denen beispielsweise der Raum keine Fenster hatte, unsere Rucksäcke neben dem Bett kaum Platz fanden und der Duschkopf über dem Klo hing. Wir legten keinen Wert auf Luxus und hatten so gut wie keine Ansprüche.

Mit den Jahren hat sich unsere Budgetgrenze nach oben verlagert und unseren Unterkunftsfilter angepasst. Für 37€ landen wir in einem kleinen Hüttchen mit eigener Veranda und einer schönen Außendusche. Wir schlafen in bequemen Betten und erfreuen uns an klimatisierten Räumen. Unser Hygienefaktor und Erholungsmodus stehen in keinem Verhältnis zur letzten Reise.


Die vergangene Thailand Reise erzählt Geschichten, über die wir heute noch lachen und fassungslos den Kopf schütteln. Wir landeten zweimal in der gleichen Ping-Pong Show, durften aus unerfindlichen Gründen in einem Bordell aufs Klo gehen und führten intensive Gespräche mit Lady Boys. Es gab Cocktails aus Eimern, Lachgas und Cannabis und nicht enden wollende Abende. Wir tanzten am Strand, wurden beklaut und verliefen uns das ein oder andere Mal. Das Erwachen am nächsten Tag brachte etliche Lachflashs mit sich, Ibuprofen und neue wahnwitzige Ideen.    


Der Wahnsinn auf dieser Reise wird nur in kleinen Dosen verabreicht. Stattdessen verfallen wir in abendliche Weingespräche, die so viel tiefer greifen als unsere früheren „Männerprobleme“. Es geht um Hausbau, mögliche Kinderszenarien, offene Wünsche, die noch nicht ganz klar sind und die Veränderungen der letzten Jahre. Wir erleben das Land auf eine Weise, die den Blick weitet und die Faszination der Natur in den Fokus rückt. Das Abenteuer gleicht einer Entdeckungsreise, die uns wahrnehmen lässt, was um und in uns geschieht. Es geht viel mehr um Entschleunigung und weniger um die Jagd nach dem nächsten Rausch.


Und das ist im Grunde der entscheidende Punkt: Zeit. Sich Zeit nehmen, sich der Zeit bewusst werden und sich dennoch zeitlos fühlen. Vor sechs Jahren hatte Zeit eine andere Bedeutung. Gefühlt hatten wir für alles Zeit, waren nur für uns verantwortlich und konnten spontan nach Lust und Laune entscheiden, was wir tun wollen. Heute ist Zeit kostbarer geworden. Man arbeitet, hat einen eigenen Haushalt und möchte gleichermaßen mit seinem Partner, Freunden und Familie Zeit verbringen. Es geht mehr um das bewusste Erleben und Wahrnehmen.


Sind wir zu erwachsen geworden? Ich glaube, dass trifft es nicht ganz. Wir haben uns verändert, entwickelt und unsere Reise an unsere Bedürfnisse angepasst. Alles hat seine Zeit und das ist etwas Gutes. Veränderungen lassen etwas Neues entstehen, dass einen selbst überrascht.


Wir machten uns frei von alten Erinnerungen, folgten unserem Bauchgefühl und landeten am Ende auf der Tanzfläche. Im Rausche der Musik, tanzten wir uns die Füße wund, ließen unseren Gefühlen freien Lauf und fanden den perfekten Abschluss für eine wundervolle Reise. 


Alles zu seiner Zeit.

 
 
 

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